Kriegsenkel

 

Kriegsenkel sind Kinder von Eltern, die durch das Erleben kriegerische Gewalt ihrer eigenen unbeschwerten Kindheit beraubt worden sind.

 

Das Buch „Kriegsenkel – die Erben der vergessenen Generation“ von Sabine Bode löste mit seinem Erscheinen 2009 in Deutschland ein Aufmerken bei den zwischen 1960 und 1975 geborenen Kindern der Kriegskinder aus.

 

Kriegskinder sind in diesem Verständnis die Jahrgänge der zwischen 1928 und 1946 Geborenen. Diese Menschen wurden im Nationalsozialismus ideologisiert und erlebten dessen Untergang mit Bombardierung, Kinderlandverschickung, Flucht, Vertreibung und dem Hunger der Nachkriegsjahre.

 

Wenn Kampf und Flucht in einem Konflikt keine Option sind, bleibt nur die Erstarrung. Diese Kinder starrten auf die Schutt- und Leichenberge, schluckten ihre Tränen auf dem kalten Flüchtlingstreck ob des Verlustes von Heimat und Bezugspersonen. Trost und emotionale Teilhabe der Erwachsenen blieben diesen Kindern verwehrt. Froh sollten sie sein, überlebt zu haben. Sich nicht anstellen. Still sein. Auch wenn der Vater in Sibirien oder im sowjetischen Speziallager irgendwo in Ostdeutschland auf seine Entlassung wartete.

 

Die äußeren Ruinen des Krieges wurden im Wiederaufbau unsichtbar gemacht. Das Ruinieren der Kinderseelen ging unsichtbar weiter. Auch die Kriegsenkel sollten sich nicht anstellen. Still sein. Was leisten. Nach der Geburt fern von der Mutter sich schreiend die Lungen kräftigen. Essen nach Plan. Kunstmilch als Ersatz der unersetzbaren Mutterwärme.

 

Liebe gegen Leistung war die gefühlte seelische Gleichung in Ost und West.

 

Im Westen versprach das Wirtschaftswunder den äußeren Wohlstand, das innere Wohlsein stellte sich schwerlich ein. Konsum im Außen sollte die neblige Leere im Innen füllen. Besitz und Status als Ersatz für den unbewussten Mangel an Liebe aus frühen Kindertagen. Die Individualisierung zwingt den Menschen in eine Beziehungskultur der Konkurrenz und entfernt ihn damit von seinem natürlich angelegten Bedürfnis nach Kooperation.

 

Im Osten wurde der Kollektivismus zum Zwang. Das Individuum sollte sich eingliedern, unterordnen, unterwerfen. Die kostbare Unterschiedlichkeit des Einzelnen, so wie sie in der Natur angelegt ist, blieb ungelebt. Den Zerfall des Systems, die De-Industriealisierung und den Verlust von Lebensorientierung erlebten Ostgeborene als erschütternd. Über Nacht war entwertet was ein Leben von Wert war. Erst über die Zeit wurden sich die DDR-Bürger der Bürde bewusst, die es nun zu schultern galt. Sich verkaufen am Arbeitsmarkt, konkurrieren mit dem ehemals freundschaftlich verbundenen Kollegen. In den Westen gehen als die Arbeitsplätze im Osten gingen.

 

Die Wiedervereinigung Deutschlands verband Sieger und Verlierer über einen Anschlussvertrag. Seelisch blieben Gefühle von Scham, Schuld und tiefer Trauer über den Verlust von Status und sozialer Sicherheit unbearbeitet. Dass dieser Schmerz aus einer anderen Generation durch die Stammbäume der Deutschen schwingt, dieses Wissen entstand erst in den letzten beiden Jahrzehnten.

Die Geschichte des Krieges

 

Menschen in Deutschland und der Welt verbindet eine lange Tradition von Krieg und Gewalt. Immer wieder brach der unverarbeitete innere Schatten der Seelen sich Raum im Außen. Die Väter der Kriegsenkel-Großväter dienten im ersten Weltkrieg. Aus dieser Perspektive sind die Kriegsteilnehmer des zweiten Weltkrieges die Kriegskinder des ersten Weltkrieges. Wer 1909 geboren wurde und als Neunjähriger erfährt, dass sein Vater im Feld vor Verdun geblieben ist, wächst als vaterloses Kriegskind auf.

 

So lässt sich die Spur des Krieges für uns Erben weiter zurückverfolgen. Der Dreißigjährige Krieg als Meilenstein, religiös motiviert mit unsäglichem Leid in den Seelen der Menschen. Die Kreuzzüge, das Römische Reich, die Völkerwanderung, bis zum Beginn der Seßhaftwerdung des Menschen.

Die neolithische Revolution vor ca. 15.000 Jahren beendete das Leben der Menschen als umherziehende Horden und revolutionierte das Zusammenleben. Ackerbau und Viehzucht auf der einen Seite brachten die Entstehung von Landbesitz und dessen Verteidigung und Vermehrung hervor.

 

Der Krieg kam. Städte entstanden und verschwanden. Der Krieg blieb.

Der Schatten der Gewalt

 

Mit dem Beginn des Patriarchats von 6000 Jahren begann der Krieg gegen die Kinder. Das Vaterrecht schrieb dem Vater als pater familias die Personalunion von König, Richter und Priester zu. Die Züchtigung der Kinder wurde als Not-Wendigkeit tradiert.

 

Gewalt gegen Kinder hat biblische Dimensionen.

 

Wer seine Rute schont, der haßt seinen Sohn; wer ihn aber liebhat, der züchtigt ihn bald. (Sprüche 13:24)

Torheit steckt dem Knaben im Herzen; aber die Rute der Zucht wird sie fern von ihm treiben. (Sprüche 22:15)

 

Laß nicht ab den Knaben zu züchtigen; denn wenn du ihn mit der Rute haust, so wird man ihn nicht töten. (Sprüche 23:13)

 

Zucht zerstört mit Wucht die natürlich angelegte seelische Ordnung und das Gefühl des Einzelnen für seine Einbindung in eine natürliche, allumfassende Welt.

Der Mensch verliert den Kontakt zu sich selbst.

Zucht produziert seelisches Leid und führt in die Sucht. Der Mensch wird ein Suchender, ewig nach Anerkennung und Kompensation für den frühen Liebesmangel suchen. Aus verprügelten Jungen werden von der Anerkennung durch andere abhängige und auf Leistung getrimmte Menschen. Aus verprügelten Mädchen dienende, sich selbst verausgabende Mütter.

 

Bis in die Kinderzimmer der siebziger Jahre reichte der Schatten der Gewalt.

Der Teppichklopfer an der Flurgarderobe als Symbol allumfassender strafender Macht der Erziehungsberechtigten.

Wissenschaft und Ahnenforschung

 

Wir wissen aus der Forschung in Psychologie, Neurobiologie und Genetik, dass unverarbeitete Traumatisierungen unbewusst von Eltern an die nächste Generation weitergegeben werden. Dieses Wissen ist heute von Wissenschaftlern erforscht und belegt. Das beruhigt unsere Zweifel, tief in uns steckt noch die Wissenschaftshörigkeit des aufgeklärten Rationalismus der letzten Jahrhunderte mit der Trennung von Kognition und Emotion.

 

Gleichzeitig ist dieses Wissen sehr alt. In Mythen und Märchen wurde über zehntausende Jahre das Menschheitswissen von Generation zu Generation weiter gegeben. Das Gesetz des Rhythmus, von Saat und Ernte, ist eines der göttlichen Lebensgesetze, welches in den Kulturen der Welt auf verschiedenste Weise benannt und interpretiert wird.

 

In der Bibel heißt es: Irrt euch nicht, Gott lässt sich nicht verspotten! Denn was ein Mensch sät, das wird er auch ernten. (Gal 6,7)

 

Das älteste Lebensgesetz ist das Gesetz der Einheit. Alles strebt zur Einheit. Licht und Schatten bedingen einander. Der Schatten der Vergangenheit will beleuchtet werden, das tief ins Unbewusste Verdrängte will ans Licht.

Wenn es für unsere Großeltern nicht möglich war, wenn unser Eltern zu tief verletzt den Schmerz der Kindertage verdrängen, dann ist es an der Generation der Kriegsenkel, das Unausgesprochene ins Wort zu bringen. Das Aussprechen und das aktive Betrauern dessen, was war und unumkehrbar geschehen bleibt. Für einen Frieden, den auch die Enkel der Kriegsenkel erleben dürfen.

Friedlicher Ausblick

 

Heute können Kriegsenkel dieses schattige Erbe annehmen. Dieser Prozess braucht Zeit, Verständnis für Zusammenhänge und den Mut, sich den schwierigen Fragen zu stellen.

Gleichzeitig braucht es die Würdigung der lichten Seiten dieses Erbes.

Kriegsenkel haben den Mut zu „brüchigen Erwerbsbiographien“, probieren Neues aus ohne heimlich auf eine „sichere“ Rente zu schielen.

Dabei entdecken sie schon lang in ihnen schlummernde Kräfte, die ohne diese besondere Biographie brach liegen würden. Auch der Umgang mit Vielfalt und die Zuversicht in unsicheren Zeiten tragen zur Entwicklung einer Gesellschaft bei, die das Alte in Würde integriert und dem Neuen aufgeschlossen gegenübertritt.