Die Geschichte des Einzelnen ist schicksalhaft mit der Geschichte einer Gesellschaft verbunden.

Mein Name ist Carsten Schubert. Ich bin ein Kriegsenkel.

 

Mein Vater wurde in einer Bombennacht im Juni 1944 im lärmenden Keller eines sächsischen Krankenhauses geboren, während mein Großvater an der Ostfront im lärmenden Schützengraben lag. Sein erstes Lebensjahr erlebte mein Vater vaterlos.

Meine Mutter sah im Mai 1945 als Dreijährige, wie ihr Elternhaus im Erzgebirge in Asche sank. "Nichts war zu finden im Schuttberg. Nicht mal meine Puppe" sagte sie später als Siebzigjährige mit sekündlich brüchiger, stockender Stimme. Sie erlebte ihr viertes bis elftes Jahr vaterlos.

Mein Vater war ein Leistungsmensch. Sport und Arbeit waren sein Leben. Kriegskinder haben nicht gelernt, auf sich zu achten. Auf die Signale des Körpers. Im Sommer 1976 fuhr er in flirrender Mittagshitze auf der Autobahn von einer Dienstreise nach Hause. Es war sehr heiß an diesem Tag und wahrscheinlich hatte er Sekundenschlaf. Rechts ranfahren und Gymnastik machen? Das ist was für Memmen. Ich schaff das schon. Er sah den stehenden LKW auf seiner Spur zu spät. Er starb sofort mit 32 Jahren. Mein Bruder und ich sind seit dem achten und neunten Jahr vaterlos.

 

Meine Mutter erzog meinen Bruder und mich so, wie sie es als gut und richtig von ihrem Vater gelernt hatte. Ihre seelische Not war für uns Kinder nicht zu erkennen.

 

Mehr als drei Jahrzehnte konnte ich nicht trauern um meinen Vater. Ich spürte die Trauer nicht. Eher lehnte ich ihn ab, in manchen Stunden hasste ich ihn heimlich. Erst mit 47 Jahren begann ich in langen Biografiegesprächen meiner Lebensgeschichte Raum zu geben und sie in Würde anzunehmen. Heute kann ich mit Stolz auf meine Eltern schauen. Auf ihr Lebenswerk, auf ihr Vermächtnis. Ich spüre eine warme väterliche Kraft in meinem Rücken. Dieses Gefühl gibt mir die Sicherheit, jeden Schritt auf meinem Lebensweg gestärkt durch die Kraft meiner Väter gehen zu dürfen.

 

Beruflich arbeite ich seit 15 Jahren als Coach und Trainer. Nach einer Tischlerausbildung, dem Abitur auf dem zweiten Bildungsweg und einem Wirtschaftsstudium (Dipl.-Kaufmann) lernte ich in verschiedene Tätigkeitsfelder kennen.

Immer wieder fiel mir auf, wie unglaublich viel Zeit in Konflikten am Arbeitsplatz gebunden ist. Egal ob als Handwerker auf der Baustelle oder als Angestellter im Büro – fehlende Anerkennung und mangelndes Vertrauen in die Führungskräfte begegneten mir sowohl im Mittelstand als auch im Konzern.

Ich wollte mehr über das Zwischenmenschliche wissen und qualifizierte mich fünf Jahre lang neben der Büroarbeit mit einer Ausbildung zum Psychologischen Berater und dem weiterbildenden Studium Coaching/Supervison an der FH Frankfurt. Vor 15 Jahren wechselte ich in das Feld der Erwachsenenbildung.

 

Seit sieben Jahren kenne ich die Perspektive der transgenerativen Weitergabe von seelischen Wunden. In meiner Rolle als JobCoach konnte mit hunderten Kriegsenkeln tausende Gesprächen im Rahmen von Trainings zur beruflichen Neuorientierung führen. Dabei gab es ungezählte Aha-Momente und Tränen der Erleichterung, wenn der Einzelne die Zusammenhänge in seiner Biographie erkennt und der Weg frei für das Eigene wird. 

 

Die Essenz der Arbeit mit Kriegsenkeln ist für mich der Mangel an Wissen über die Zusammenhänge des eigenen Lebenswegs mit dem Schicksal der Eltern und Großeltern. So liegen viele Ressourcen brach, die Kriegsenkel zur Gestaltung eines kraftvollen eigenen Lebensweges in sich tragen. Ungenutzt verraucht die Schaffenskraft der Protagonisten in Stellvertreterkriegen am Arbeitsplatz, in Familien und der Gesellschaft.

 

Das ist vorerst die Geschichte der Kriegsenkel-Akademie. Ziel ist es, zum Wohl des Einzelnen und der Gemeinschaft Wissen und Erfahrungen zur friedlichen Lebensgestaltung weiter zu geben.

Carsten Schubert SW Kopie

Carsten Schubert